Wie wirkt Psychotherapie?


Viele PatientInnen fragen mich zu Beginn: Wie lange wird das dauern?


Oft steht dahinter der verständliche Wunsch, für das, was Beschwerden verursacht, eine rasche Lösung zu finden.So einfach ist das leider nicht.
Was einen Menschen in die psychotherapeutische Praxis treibt, ist selten ein vorübergehend auftretendes Phänomen, das sich durch einen bestimmten „therapeutischen Handgriff“ beseitigen lässt. Vielmehr handelt es sich meist um eine Thematik, die sich - vielleicht erst bei genauerem Hinsehen - durch einen Großteil der Biografie oder bereits durch ein ganzes Leben zieht.Nicht selten stellt sich heraus, dass sich dieses Thema oder Phänomenbereits in der Familiengeschichte des Patienten/der Patientin zeigt.

Damit etwas verändert werden kann, muss es identifiziert, begriffen und vor allem erlebbar gemacht werden.


Das Begreifen kann hierbei auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden

·         Rein kognitiv

·         Emotional

·         Auf körperlicher Ebene

·         In neuen Beziehungserfahrungen mit PartnerIn, FreundInnen, Psychotherapeutin

 

Im Zusammenspiel dieser Erfahrungen liegt das Heilungspotenzial.

Das, was „da draußen“ im Leben geschieht, wiederholt sich verlässlich in der therapeutischen Beziehung.
Gerhard Roth und Nicole Strüber, Autor und Autorin des Buches „Wie das Gehirn die Seele macht“, stellen in ihrem Vortrag „Neurobiologische Grundlagen von Psychotherapien und ihrer zeitlichen Dynamik“ * die provokante These auf, dass letztendlich nicht die Methode der Therapie (hier: Verhaltenstherapie und Psychoanalyse) zielführend sei, sondern die Dauer der Therapie sowie, ich zitiere : die „Fähigkeit des Therapeuten, die Befindlichkeiten des Klienten/Patienten zu erfassen, zu verstehen und darüber zu kommunizieren, sowie auf dem Vertrauen des Klienten/Patienten in den Behandelnden und seine Vorgehensweise.“


Überdies erklären sie, auf neurowissenschaftlicher Basis, folgendes:
„Die Ausschüttung von Oxytocin in der Begegnung mit einem feinfühligen und vertrauenserweckenden Behandelnden dämpft kurzfristig Aufregung und Ängstlichkeit und erhöht über Ausschüttung von endogenen Opioden und einen Anstieg des Serotoninspiegels das Wohlbefinden und fühlt zu genereller Beruhigung. (…) Die Patienten spüren eine deutliche Erleichterung der Befindlichkeit, fühlen sich aufgehoben und verstanden.“


Aber, so Roth und Strüber weiter, diese – messbare – Veränderung ist nur vorübergehend, da sie in denjenigen Arealen des Gehirns stattfindet, die für ein Erleben zuständig sind, welches wir uns sprachlich bewusst machen können und nicht in denjenigen, die für das Unbewusste, nicht sprachlich Erfassbare zuständig sind.Das heißt: Dasjenige Areal, welches der bewussten Erinnerung nicht zugänglich ist, wird von der spürbaren ersten Verbesserung durch Bewusstmachung oder kurzfristiger Umstrukturierung gar nicht beeinflusst.


Zu einer tiefer greifenden Besserung kommt es erst, wenn sich in der zweiten Phase der Behandlung strukturelle Veränderungen vollziehen.“


Nach meiner Erfahrung kann es in dieser zweiten, längeren Phase der therapeutischen Behandlung immer wieder zu teils sehr entmutigenden Rückschlägen und/oder Stagnation kommen.Hier ist liebevolle Geduld auf beiden Seiten vonnöten, auf Seiten des Patienten/der Patientin und auf Seiten des behandelnden Therapeuten oder der Therapeutin.


Es ist so, als ob das, was Sie zuerst in ihrem Leben erfahren, empfunden und gelernt haben, sich immer wieder zu Wort meldet und sagt:
„Aber ich habe das doch SO gelernt.“ „So war es doch immer.“


Es dauert seine Zeit, bis sowohl das neu Entdeckte, das neu Erlebte oder das neu Verstandene vom Kopf in den Bauch oder die Seele sinken und bis in kleinste Zellen vordringen kann.

 

 

"Psychotherapie wirkt durch Regelmäßigkeit und Dauer sowie die Stabilität und Authentizität der therapeutischen Beziehung."